Bürgermeisterin Verena Dietl übergibt den Preis an Bereichsleitung Melanie Schauer und Fachdienstleitung Iris Grönecke-Kümmerer (von links).
Bürgermeisterin Verena Dietl übergibt den Preis an Bereichsleitung Melanie Schauer und Fachdienstleitung Iris Grönecke-Kümmerer (von links).

"Ein zukunftsweisendes feministisches Konzept": Vor mehreren Hundert Frauen übergibt Bürgermeisterin Verena Dietl zum Weltfrauentag die Auszeichnung. Was für ein wichtiges Signal, um die hoch stigmatisierte Zielgruppe straffällig gewordener Frauen sichtbar zu machen!

 

Bei der Preisverleihung im Alten Rathaus zeigte sich Bürgermeisterin Verena Dietl beeindruckt von der Arbeit der Straffälligenhilfe, die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung für die Förderung von Gleichberechtigung an den SkF München e.V. sei längst überfällig. „Wir zeichnen nicht nur eine Organisation aus, wir würdigen eine Frauenbewegung", sagte Lautarorin Maryam Giyahchi vom Stadtbund Münchner Frauenverbände. „Mit der Preisverleihung bedankt sich die Landeshauptstadt München für den vorbildlichen feministischen, beständigen und innovativen Einsatz in der Straffälligenhilfe, die den betroffenen Frauen* durch Beratung, Begleitung, praktische Unterstützung und Lobbyarbeit Wege eröffnet, ihre Zukunft positiv zu gestalten“, heißt es in der Mitteilung der Gleichstellungsstelle für Frauen.

 

„Mit diesem Preis wird eine Zielgruppe in den Mittelpunkt gestellt, die oft unsichtbar ist und doch unter uns lebt", sagte Iris Grönecke-Kümmerer, Fachdienstleitung der Straffälligenhilfe, in ihrer Dankesrede. "Wir entschuldigen die Taten nicht, aber wir urteilen auch nicht, wir nehmen diese Frauen an, wir hören zu, wir unterstützen sie, die bestmögliche Variante ihrer selbst zu werden." 

 

„Das ist eine tolle Auszeichnung für den sehr engagierten Einsatz unserer Mitarbeiterinnen“, sagt Vorständin Alma Thoma. „Die Finanzierung dieser Arbeit trägt der SkF München e.V. zum großen Teil aus Eigenmitteln. Die Unterstützung von straffällig gewordenen Frauen hat wenig Lobby und ist doch so wichtig, wenn ein straffreies Leben und eine Resozialisierung in die Gesellschaft gelingen sollen“, erklärt SkF-Geschäftsführerin Bettina Nickel.

 

Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, in dem die Geschlechterdifferenz so ausgeprägt ist wie in der Kriminalität. Frauen werden deutlich seltener straffällig als Männer, sie stellen lediglich fünf Prozent der Inhaftierten. Zudem begehen sie hauptsächlich Bagatelldelikte wie Lebensmitteldiebstähle oder Fahren ohne Ticket, bei Gewaltdelikten sind sie dagegen kaum vertreten. Aufgrund der geringen Fallzahlen ist der Strafvollzug bis heute kaum auf Frauen ausgerichtet und auch bei Hilfsangeboten werden sie oft vergessen. Gleichzeitig ist Straffälligkeit bei Frauen hoch stigmatisiert. Während sie mit männlichen Rollenvorstellungen vereinbar ist, wird sie bei Frauen als extremer Bruch mit den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften wahrgenommen. Oft sind sie auf sich alleine gestellt, da Bezugspersonen sich abwenden. Hinzu kommt, dass die Mehrzahl der Täter*innen Mütter sind.

 

Die Straffälligenhilfe des SkF München e.V. richtet sich an Mädchen und Frauen in prekären Lebenslagen und leistet im gesellschaftlichen Interesse einen Beitrag zur Resozialisierung und Chancengleichheit, teure Ersatzfreiheitsstrafen werden verhindert und den betroffenen Mädchen und Frauen eine straffreie Zukunft ermöglicht. „Unser Anliegen ist es, die Mädchen und Frauen wieder in die Gesellschaft zu integrieren, sie bei der Aufnahme einer Ausbildung oder Erwerbstätigkeit zu unterstützen und weitere Straftaten zu verhindern“, erklärte Melanie Schauer, Bereichsleitung der Straffälligen- und Wohnungslosenhilfe. Die Straffälligenhilfe bietet:

 

  • Beratung für Frauen vor, während und nach der Haft in München und Aichach
  • Jugendrichterliche Weisungen für delinquente Mädchen und junge Frauen
  • Clearingstelle zur Vermittlung in gemeinnützige Arbeit und Geldverwaltung, um Gefängnisstrafen zu vermeiden
  • Das hundegestützte Kommunikations- und Achtsamkeitstraining „Straffrei mit vier Pfoten“ mit unseren zwei Therapiehunden
  • Abbau von Stigmatisierung durch Öffentlichkeitsarbeit

 

Der Preis ist nach Anita Augspurg (1857 – 1943) benannt, einer der wichtigsten Vertreterinnen der ersten Frauenbewegung. Die Münchnerin engagierte sich unter anderem für das Frauenwahlrecht und die gleichberechtigte Zulassung von Frauen zu höherer Schulbildung. Der SkF München e.V. unterstützt seit 1906 Frauen und Mädchen in Not unabhängig von Konfession und Nationalität. Die Geschichte als Frauenfachverband wurzelt also ebenfalls in der Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts. In diesem Jahr feiern der Verein und der Fachdienst Straffälligenhilfe 120. Geburtstag. Neben der Straffälligenhilfe sind die rund 470 Mitarbeitenden und 250 Ehrenamtlichen des SkF München e.V. in der Wohnungslosenhilfe, dem Gewaltschutz und dem Kinder- und Jugendschutz tätig. Der SkF München e.V. wird zu etwa drei Vierteln durch Zuschüsse der öffentlichen Hand, darunter die Stadt München, finanziert. Gerade die Straffälligenhilfe ist auf Spenden angewiesen. Das Preisgeld soll nun unter anderem für traumasensible Projekte verwendet werden, um die inhaftierten Frauen zu stabilisieren, psychische Erkrankungen abzufedern und ihnen so einen Wiedereinstieg in ein straffreies Leben zu ermöglichen.