Eine verzweifelte Frau
Rund 40 Prozent der Wohnungslosen sind weiblich, doch viele Frauen verstecken ihre Situation.

Wohnungslosigkeit trifft immer mehr Frauen und Mütter, doch in der Statistik tauchen viele nicht auf. Oft haben sie Gewalt erfahren und so ihre Wohnung verloren.

 

Beim Wort Wohnungslosigkeit denkt man oft an den obdachlosen Mann unter der Brücke, aber es gibt auch ganz andere Formen. Rund 40 Prozent der mehr als eine Million Wohnungslosen in Deutschland sind Hochrechnungen zufolge weiblich, Tendenz steigend. Doch in der Öffentlichkeit sind diese Frauen und Mädchen oft unsichtbar. Zum Weltfrauentag richten wir den Blick auf die Menschen hinter den Zahlen.

 

Zum Beispiel Julia M. (Name geändert). Die Frau ist vor einigen Jahren aus der gemeinsamen Wohnung vor ihrem Mann in ein Frauenhaus geflohen. Insgesamt sechs Jahre hat sie in Schutzhäusern und Notunterkünften gelebt, bevor sie in eine der elf Wohngemeinschaften des SkF München e.V. gezogen ist. Hier finden Frauen in schwierigen Lebenslagen Unterstützung. Sozialpädagoginnen helfen bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. Julia M. hatte Glück, sie hat endlich wieder eine bezahlbare Wohnung gefunden, in die sie bald ziehen kann.

 

Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe haben 70 bis 80 Prozent der wohnungslosen Frauen Gewalterfahrungen gemacht. Trennungen, Scheidungen und Gewalt sind neben Armut die Hauptgründe dafür, dass Mädchen und Frauen wohnungslos werden.

 

Gerade Frauen schämen sich jedoch oft für ihre Situation und verstecken sie, anstatt sich Hilfe zu suchen. Mehr als die Hälfte der obdachlosen Frauen erleben allerdings sexuelle Übergriffe. Um nicht auf der Straße zu landen, übernachten viele Frauen deshalb bei Verwandten und Bekannten und erleiden dort oft erneut sexuelle Ausbeutung, Abhängigkeiten und Gewalt. Auch in gemischtgeschlechtlichen Unterkünften fürchten viele Übergriffe.

 

„Deshalb sind frauenspezifische und niedrigschwellige Angebote so wichtig“, sagt Simone Ortner, Bereichsleitung der Wohnungslosenhilfe beim SkF München e.V. „Zudem braucht es dringend mehr bezahlbaren Wohnraum auch für Frauen und Familien in München.“ Der SkF München e.V. bietet mehr als 400 Bettplätze für wohnungslose Frauen in allen Lebenslagen an, darunter Schwangere, Mütter oder ältere Frauen. Er hält Schutzorte für Mädchen bereit, die nicht mehr in ihren Familien leben können und für Frauen, die Gewalt erfahren haben.

 

Herta M. (Name geändert) wohnt in unserem Haus Bethanien, wo ältere Wohnungslose mit seelischer Behinderung ein dauerhaftes Zuhause finden. Nachdem sie jahrelang in einem Park übernachtet hat, ist sie schwer erkrankt. Nicht alles sei in Haus Bethanien besser als auf der Straße, so habe sie deutlich weniger Geld für Klamotten, weil sie ihre Schulden abbaue, erzählt sie. Aber die Vorteile überwiegen für die Frau: „Ich fühle mich hier endlich sicher.“